Else Avenarius (* 1859 in St. Louis; † 30. Januar 1932 in Leisnig) gehörte zu den wichtigsten Personen im Umfeld des Dürerbundes, in dem sie höchstwahrscheinlich auch Mitglied war. Sie lebte über 20 Jahre im Dürerbundhaus und damit solange wie kein anderer Bewohner oder Bewohnerin.

Else Avenarius war die Tochter des nach der Revolution von 1848/49 in die USA emigrierten Schriftstellers und Politikers Rudolf Doehn. Doehn, ursprünglich aus Mecklenburg stammend, hatte 1858 in St. Louis Francisca Martins geheiratet. Er war ab 1860 Mitglied im Abgeordnetenhaus von Missouri und im amerikanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Union engagiert. Nach ihrer Rückkehr um 1866 nach Deutschland ließ sich die Familie in Dresden nieder.

Rudolf Doehn war eine wichtige Integrationsfigur der Dresdner Literaturszene, denn er gehörte dem Literarischen Verein, der 1882 als Berufsstandsverein der Dresdner Schriftsteller gegründeten Offenen Loge sowie in deren Nachfolge der Litterarischen Gesellschaft und auch der Gesellschaft für Literatur und Kunst an, teilweise in leitenden Funktionen. Zudem zählte er zu den Mitbegründern des Allgemeinen deutschen Schriftstellerverbandes in Leipzig. Es ist zu vermuten, dass sich Paul Schumann, der ebenfalls der Offenen Loge und dem Literarischen Verein angehörte, und sein späterer Schwiegervater Rudolf Doehn zunächst in diesen Vereinen kennengelernt haben. Auch mit der Familie Avenarius stand Doehn schon vor der Heirat seiner Tochter in Verbindung. So publizierte er wiederholt im Literarischen Centralblatt, das im Verlag von Eduard Avenarius erschien.

Else war von 1884 bis zur Scheidung 1894 in erster Ehe mit Paul Schumann und ab 1895 in zweiter mit Ferdinand Avenarius verheiratet. 1887 wurde ihr Sohn Wolfgang Schumann geboren. 1895 starb Elses Vater Rudolf Doehn in Dresden. Die Familien Avenarius und Schumann wohnten ab 1895 gemeinsam in einer von Schilling & Graebner in der Wachwitzer Straße 3 in Blasewitz gebauten Villa. Paul Schumann bewohnte das Erdgeschoss, Ferdinand Avenarius mit Else und Stiefsohn Wolfgang Schumann die 1. Etage. Nach dem Bau des Dürerbundhauses 1910/1911 in der benachbarten Bahnhofstraße 24 durch Heinrich Tscharmann bewohnten sie die ersten Jahre dort gemeinsam die 1. Etage. 1915 starb Elses Mutter Francisca Martins.

Else Avenarius war selbst künstlerisch sehr aufgeschlossen und kenntnisreich. Sie gehörte wie ihr Vater, Ferdinand Avenarius und Paul Schumann der Litterarischen Gesellschaft an. Diese 1886 gegründete literarische Vereinigung ging auf den 1881 gegründeten Verein Offene Loge unter Detlev von Biedermann zurück und stand der bürgerlichen Frauenbewegung und der Literatur der Moderne nahe. Zu den bekanntesten  Mitgliedern der  Litterarischen Gesellschaft zählte Viktor Alexander von Otto, sächsischer Justizminister und Vorsitzender des Gesamtministeriums. Else Avenarius' Versuche, der Zeitschrift Der Kunstwart, bei welcher der Gründer und Herausgeber Ferdinand Avenarius sowie Paul Schumann eng zusammenarbeiteten, zumindest in Frauenfragen eine konservativere Richtung zu verleihen, scheiterten zumeist an den Autorinnen wie Bäumler, Gnauck-Kühne und Mayreder.

Else Avenarius' 1866 in Dresden geborener Bruder Bruno Doehn gehörte zu den bekanntesten Juristen der Weimarer Republik. Es ist nicht geklärt, ob der 1921 mit seiner Ehefrau Anna in das Erdgeschoss des Dürerbundhauses gezogene und wenig später verstorbene Buchhalter Erich Doehn identisch ist mit Elses Bruder Erich (Dr. phil.), für den im Schülerverzeichnis des Königlichen Gymnasiums Dresden Neustadt der Geburtsort St. Louis und der Beruf Redakteur angegeben ist.

Else Avenarius wurde auf dem Friedhof von St. Severin in Keitum auf Sylt neben ihrem Mann beigesetzt.

Abbildung: Else Avenarius mit ihrem ersten Ehemann Paul Schumann und den beiden Söhnen Herbert († 1892) und Wolfgang (rechts)

Nachruf im Kunstwart

Anfang Februar starb Else Avenarius, die Witwe des Begründers unserer Zeitschrift. Ein unbestechlicher Blick für Echtes und Großes, besonders der Dichtung, hat sie befähigt, die Helferin ihres Mannes und Mitarbeiterin an seinem Lebenswerke zu sein. Alle Mitglieder des damaligen Dresdener Kreises haben ihre stille, immer auf die Sache bedachte Tätigkeit zu schätzen gewußt, und es ist vielleicht der schönste Ruhm der seltenen, norddeutsch herben Frau, daß ohne sie der Kunstwart nicht geworden wäre, was er vielen Besten bedeutet hat.

Zwei Blasewitzer Villen, die eng mit Else Avenarius verbunden waren.

Um 1895 bauten Schilling & Graebner gemeinsam für Ferdinand Avenarius und Paul Schumann eine Villa in der damaligen Wachwitzer Straße 3 (Bild oben). Vermutlich wurde hier 1902 auch der Dürerbund gegründet, zumindest aber dessen Gründung vorbereitet. Nach der Umbenennung der Straße lautete die Adresse Avenariusstraße 4. Das Haus war später im Besitz der dritten Ehefrau von Paul Schumann.

Um den gestiegenen Bedarf an Arbeits-, Archiv- und Lagerräumen für Dürerbund und Kunstwart zu befriedigen, wurde 1910/1911 in Blasewitz, Bahnhofstraße 24, das Dürerbundhaus (Bild unten) errichtet. Die Pläne dazu hatte Heinrich Tscharmann entworfen. Else Avenarius bewohnte bis zu ihrem Tod 1932 die 1. Etage. Nach dem Tod ihres Mannes 1923 vermietete sie einen Teil der Etage. Um 1925 war hier der Falken-Verlag Friedrich Wilhelm Bruchhaus ansässig. Nach Else Avenarius' Tod ging das Dürerbundhaus in den Besitz ihrer Schwiegertochter Else Schumann über. Die 1. Etage wurde an Kurt Fiedler und Edmund Schuchardt vermietet. Die letzte Adresse war Heinrich-Schütz-Straße 2, zwischenzeitlich Wasserturmstraße 2.

Beide Häuser sind während der Bombenangriffe des 13./14. Februar 1945 zerstört worden.