Hermann Glöckner (* 21. Januar 1889 in Cotta; † 10. Mai 1987 in Berlin) war ein bedeutender konstruktivistischer Maler, Grafiker und Bildhauer.

Glöckner ließ sich nach dem Besuch der Gewerbeschule Leipzig ab 1904 in Dresden zum Musterzeichner ausbilden. Im Abendstudium an der Kunstgewerbeschule lernte er zusammen mit Kurt Fiedler und Edmund Schuchardt. Dozenten waren Oskar Seyffert und Max Rade. Aktzeichnen unterrichtete dessen Sohn Carl Rade, mit dem Glöckner noch lange persönlich verbunden blieb. Eine erste Bewerbung zum Studium an der Kunstakademie scheiterte an der Ablehnung durch Carl Bantzer, einem ehemaligen Lehrer von Carl Rade.

Ab 1911 arbeitete Hermann Glöckner freischaffend in Boxdorf. Im Ersten Weltkrieg diente er als Soldat in Frankreich und Russland. Danach arbeitete Glöckner als Musterzeichner sowie wiederum freischaffend. In der Gemäldegalerie kopierte er die alten Meister. Professor Otto Gussmann, ein bedeutender Architekturmaler, nahm ihn 1923 für ein Jahr zum Studium an der Kunstakademie auf.

Glöckner hatte schon während seiner Lehrzeit begonnen, sich für geometrische Formen und Projektionen zu interessieren. Klare, gegenstandsfreie Werke im Sinne des Konstruktivismus wurden ab 1930 charakteristisch für seinen künstlerischen Stil. Er "konstruierte" seine Werke nach geometrischen Gesichtspunkten, experimentierte mit verschiedenen Materialien und entwickelte bis 1937 - als Grundlage für seine Collagen - mit dem Tafelwerk einen herausragenden Beitrag für die Moderne. Glöckner gehörte schon im Gründungsjahr der Dresdner Sezession 1932 an. Weil die Nazis ihm Ausstellungs- und Verkaufsmöglichkeiten für seine als "entartet" eingestuften Gemälde und Grafiken verwehrten, wandte sich Glöckner verstärkt dem Sgraffito-Putzschnitt und dekorativer Gestaltung zu.

1945 verlor Glöckner Wohnung und Atelier und zog nach Loschwitz. In dieser Zeit arbeitete er auch für das Hygienemuseum. Er trat der Künstlergruppe Der Ruf bei. Deren Mitglieder, wie beispielsweise Paul Sinkwitz, fühlten sich der klassischen Moderne verpflichtet und wollten künstlerische Avantgarde mit sozialistischer Orientierung verbinden. Glöckners formalistischer Stil wurde in der DDR lange kritisch gesehen. Als Antifaschisten gewährte man ihm jedoch einigen Freiraum. Seinen Lebensunterhalt konnte er zunächst mit Sgrafitto-Arbeiten verdienen, darunter für das Treppenhaus am Physikalischen Institut der TH Dresden. Um 1960 wandte er sich zunehmend der Plastik zu. Auf Glöckner wurde man zuerst in der Bundesrepublik aufmerksam.

Die Rehabilitierung in der DDR begann anlässlich seines 80. Geburtstages 1969 mit der Ausstellung "Zeichnungen, Gemälde und Tafeln aus den Jahren 1911 bis 1945" im Kupferstich-Kabinett. Man erinnerte sich nicht nur Glöckners Unbeugsamkeit im Faschismus, sondern auch daran, dass der Konstruktivismus in der frühen Sowjetunion aufgeblüht war. Die Ausstellung erregte solches Aufsehen, dass der Katalog nicht mehr verteilt werden durfte. 1976 kam es zur ersten umfassenden Werkschau nach 1945. Die Plastik Räumliche Faltung eines Rechteckes wurde am Glockenspielpavillon des Zwingers aufgestellt und später in das Leonhardi-Museum überführt - es war das erste Mal, dass in der DDR eine konstruktivistische Stahlplastik im öffentlichen Raum präsentiert wurde. 1984 konnte Glöckner seine wohl bedeutendste Plastik in Dresden aufstellen, den Mast mit zwei Faltungszonen. Er befindet sich vor der Neuen Mensa der TU am Fritz-Foerster-Platz. 1984 erhielt Glöckner den Nationalpreis. Bis 1985 entstand im Garten des Hotel Bellevue die Plastik Gebrochenes Band.

Glöckner starb in Westberlin, wo seine Lebensgefährtin wohnte. Seine Urne wurde auf dem Loschwitzer Friedhof beigesetzt. Posthum wurde 1992 vor dem Plenarsaal des damaligen Bundestages in Bonn die Stahlplastik Durchbruch aufgestellt. Viele Werke von Glöckner befinden sich in der Galerie Neue Meister, in der Skulpturensammlung und im Kupferstich-Kabinett.

Abbildung: Plastik Mast mit zwei Faltungszonen von Hermann Glöckner vor der Neuen Mensa der TU Dresden

Hermann Glöckner und Kurt Fiedler

Glöckner erinnerte sich an seine Zeit an der Kunstgewerbeschule: "Es war für mich immer wieder anregend, in der Abendschule mit einigen jungen Leuten zusammenzukommen, so dem späteren Grafiker Kurt Fiedler und dem späteren Architekten Schuchardt." (Hermann Glöckner – Ein Patriarch der Moderne. Ed. by John Erpenbeck. Der Morgen. Berlin 1983)

Zwischen Glöckner und Fiedler muss ein freundschaftliches Verhältnis bestanden haben. Dafür spricht, dass Glöckner nur Fiedler und Schuchardt namentlich erwähnte, aber auch, dass sich im Nachlass von Kurt Fiedler im Stadtarchiv Dresden (Sammlung 17.6.3.5) eine Aktzeichnung vom 21.12.1910 befindet, die vermutlich Glöckner zuzuordnen ist.